"Es ist auch immer ein Tod für unsere stille Seeligkeit, wenn sie zur Sprache werden muß..."


Friedrich Hölderlin, der hier spricht, führt Klage über die Bestimmung des Künstlers, seine in Erfüllung der Aufgabe unausweichlichen Leiden; gleichzeitig benennt er eine Grund-kategorie künstlerischer Arbeit, die Äußerung, Entäußerung.

Wenn Hans-Peter Müller diese ernsten Worte in seine Arbeit einbezieht, gibt er einen ersten Hinweis auf sein Selbstverständnis als Künstler und grundsätzlich auf seine Arbeitsweise. Er meidet das Spektakuläre, well er der Oberflächlichkeit mißtraut. Seine Arbeit in, für und mit der ehemaligen Maschinenhalle der Zeche Teutoburgia konkurriert folglich nicht mit dem Faszinosum der Industrieruine. Das Konglomerat aus Schrott, Maschinenromantik und Denkmalschutzfassade hält in der Tat viele Wege des Scheiterns bereit; je stärker der Reiz nostalgischer Stimmungen wirkt, um so größer ist auch die Versuchung, sich diese auf die eine oder andere Art dienstbar zu machen. Hans-Peter Müller entgeht dieser Gefahr, indem er die Vorgabe der Halle und seinen Zugriff in fälliger Gleichberechtigung zusam-mentreffen läßt. Erst in dieser Gleich-Gültigkeit, so legt diese Arbeit nahe, sind die Selbständig-keit beider Seiten als auch ihr tatsächliches Zusammenwirken gewährleistet. "Jeder Einfall wird geboren mit seiner Form. Man weiß nicht woher diese Einfälle einfallen. Sie bringen ihre Form mit sich so wie Athene behelmt und gepanzert dem Haupt des Zeus entsprungen ist, kommen die ldeen mit ihrem Kleid."

Meret Oppenheim bekundet hier eine tiefe Erkenntnis aus ihrer künstlerischen Tätigkeit. Der Zusammenhang von Idee und Stoff wird von Peter Härtling genauer benannt als Finden und Erfinden. Er spricht von zwei komplemen-tären Tätigkeiten, einer passiven des Findens und einer aktiven des Erfindens, die in ihrem Zusammentreffen die Konstitution des Kunst-werks bewirken.

Die ästhetische Form ist im oberen Werkteil thematisch; innen an der Stirnwand der Halle angebracht, entfaltete sich die weiße Papier-bahn, das abbildend, was neben ihr als ihr Anlaß sichtbar wurde: zwei Löcher in der Fassade. Zugleich schließt sich hier der Kreis, der mit einem Rundgang begann (zunächst außen, dann innen), dann in das Kellergeschoß führte und schließlich zurück zur Eingangsfront lenkte, zu den beiden Löchern, die Ausgangs-punkte der Arbeit sind. Das zweiteilige Werk selbst ist jedoch unzugänglich. Die Löcher und die Bahn (sind in unerreichbarer Höhe, sie können aber von jedem Punkt in der Halle (Erdgeschoß) gesehen werden. Der Raum im Keller hat keine Tür, die Installation kann nur von einem Betrachterpunkt aus durch eine quadratische Aussparung im Beton angesehen werden. Einzig erreichbar war ein Kasten mit Textzitaten, die ihrerseits durch Negativkopie des Schriftbildes Distanz wahrten.

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1987

Hans-Peter Müller: „Betreten verboten“

Zeche Teutoburgia, Herne

PERSONHans-Peter_Muller_Malerei_Vita.html

Hans-Peter Müller ist vorrangig als Maler und Zeichner tätig; neben den bekannten Bilderfindungen experimentiert er in jüngerer Zeit zunehmend mit gefundenen Zitaten und Materialien. Obwohl eine Installation wie die in der Teutoburgia-Halle nach eigenem Bekunden neu war, steht sie nicht singular, sondern hat Parallelen im Werk. Der Rahmen des künstlerischen Zugriffs war demnach ungewohnt, nicht aber das Verfahren selbst. Das Ungewohnte einer Installation, zudem in fremder, auch von anderen beanspruchter Räumlichkeit, verhinderte von vornherein Routine, das versteht sich von selbst, keine Reproduktion gesicherter Ergebnisse war möglich. Im Gegenteil, die Genese von Finden und Erfinden, das Suchen, mithin der gesamte Prozess der Installation wurde konstitutiv. Von der ersten Besichtigung des Gebäudes bis zum Anbringen der Werkteile vollzog sich dieser Prozess der Annäherung.

"Manchmal enthält ein Raum Atmosphäre, und manchmal enthält er eine Menschenmenge. Diese Räume werden eines Tages in Staub zerfallen, doch wenn er fällt, wird er singen, der Staub."


Djuna Barnes hebt zwei komplementäre Aspekte des Räumlichen hervor, seine Funktion als HüIIe und als Hohlform. Beides ist gerade an verlassenen Gebäuden ablesbar; das eine als Vergangenheit, Geschichte, das andere als ästhetische Form. Beide Aspekte sind in dem zweiteiligen Werk von Hans-Peter Müller verarbeitet. Geschichte wird thematisch im unteren Teil der Arbeit; sie befand sich im Keller des Gebäudes in einem nicht zugäng-lichen Raum, der durch eine fensterartige Öffnung des Betons betrachtet werden konnte.

"...die Gesehenheit der Dinge darstellen und sichtbar machen. Nur in der Realität ist die Gesehenheit nicht sichtbar, weil gesehen wird."

Max lmdahl unterscheidet das alltägliche Sehen und das bewußte Wahrnehmen als grundsätzlich verschiedene Weisen des Sehens. In der Realität begnügen wir uns mit dem wiedererkennenden Sehen. Erst Anleitungen der bildenden Kunst führen zu einer Differenzierung. Sowohl der Sehvorgang selbst als such die je verschiedenen Ansichtig-keiten der Dinge kommen in den Blick.

Hans Peter Müller führt uns Aspekte dieser Differenz in seiner Arbeit vor. Zunächst geschieht dies durch eine Verweigerung: der tatsächlich räumliche Teil wird auf einen Blickpunkt hin angelegt, durch einen Guck-kasten muß er wie ein Bild betrachtet werden. Der planimetrische Teil, die Bahn Iegt gerade keinen Blickpunkt fest; er wird quasi als Plastik betrachtet (in den räumlichen Bedingungen der Halle). Die Verhinderung des erwarteten Blickpunkts führt zur notwendigen Aufmerk-samkeit. In der Verschränkung von Plastik und Bild, von räumlichen und planimetrischen Teilen wird das Sehen selbst zum Thema. Dem anderen Blick nun auf die Dinge, auf die Installation und auf die Industriehalle bieten sich veränderte Ansichten, die allein durch den künstlerischen Zugriff sichtbar werden.

Am Hauptmotiv der beiden Löcher wird die Veränderung in beispielhafter Verdichtung vorgeführt. Ein Loch abzubilden ist paradox; auf dieses hinzuweisen gelingt nur auf Umwegen. Die Abnahme des Konturs wandelt zugleich die Hohlform in ihre Positiv. Die unsichtbare Ebene zwischen den Rändern des Lochs wird als eine Membrane abgebildet. Beides nebeneinander, Durchsicht des Lochs und seine opake Form, aktivieren sich gegenseitig. Ein Austausch von Positiv- und Negativform findet statt. Das unsichtbar Sichtbare wird in Sichtbarkeit überführt. Die Berührungslinie zwischen Anlaß und Ausführung, Finden und Erfinden bilden die Ränder der Löcher.

Michael Kade

BILDERHans-Peter_Muller_Malerei_aktuelle_Bilder.html