Die Atmosphäre des leeren Raums

Hans-Peter Müllers Interieurs


von Michael Vaupel

Titelportrait aus: Kunst & Material, Jan./Febr. 2011


„Café Müller“ steht in blauer Leuchtschrift am Eingang zu Hans-Peter Müllers Atelier in Witten-Bommern. Ein Schriftzug wie ein Versprechen, gerade an diesem nieselregnerisch-kühlen Tag. Kaffee gibt’s dann zwar hier doch nicht, aber über Cafés sprechen wir sehr ausgiebig. Denn sie sind ein zentrales Thema im Werk des Künstlers, der in seinen Bildern der Atmosphäre von Räumen feinsinnig nachspürt. So sehr, dass man glaubt, diese Räume zu kennen, ohne je da gewesen zu sein.

„Ich glaube, ich habe einen siebten Sinn dafür, solche Orte aufzuspüren. Am Campo dei Fiori in Rom gibt’s mindestens 25 Kneipen und Cafés. Und ich habe gleich die gefunden, deren Atmosphäre mich besonders fasziniert“, erzählt Hans-Peter Müller. Damit meint er nicht die gestylten Cafés, die sich mit angesagter Optik den Besuchern andienen, sondern jene, in denen sich eine eigene, vielleicht eigenwillige Geschichte erahnen lässt, die so etwas wie Patina haben.

Und durch die erdwarmen Töne und die ausgeklügelte Lichttechnik, die sich in Hans-Peter Müllers Bildern von Amsterdamer Cafés finden, erinnern diese Bilder auch an die Malweise der niederländischen Altmeister. Vermeers Interieur-Szenen etwa atmen jene Intimität, Rembrandt akzentuierte seine Motive durch genau kalkulierten Licht- und Schattenfall. „Dass ich mich der Stimmung von Räumen vergleichbar annähere, geschieht aber eher unbewusst“, erklärt Hans-Peter Müller. Was aber keinesfalls bedeutet, dass er die Entstehung seiner Kompositionen dem Zufall überlässt. Wenn er ein Raumobjekt seiner Begierde aufgespürt hat, fotografiert er es ausgiebig, teils in Serie. „Im Grand Café des Amsterdamer Bahnhofs war ich zu diesem Zweck viele Male“, so erzählt der Künstler. Überhaupt Amsterdam. Dieser Stadt gehört seine große Liebe: „Nach dem Kunststudium in Münster habe ich mit einem Künstlerkollegen ein Hausboot in Amsterdam gekauft, weil ich nicht provinziell versacken wollte. Auf der anderen Seite bezeichnen die Holländer Amsterdam als größtes Dorf der Welt. Und da ist in Bezug auf die Geborgenheit, die sich auch in meinen dortigen Café-Szenen spiegelt, sicherlich was dran“, so Hans-Peter Müller.

Zurück zu der Fotobeute: Die nimmt er mit nach Hause, um sie genau zu sezieren. Da werden auch schon mal Teile weggeschnitten, die bereits auf den ersten Blick überflüssig für das spätere Gemälde erscheinen. Dann entstehen nach diesen Fotos Skizzen. „Ich zeichne diese Fotos nicht sklavisch ab, sondern es ist eine Art Klärungsvorgang“, beschreibt Hans-Peter Müller. Und weiter: „So entdecke ich während des Skizzierens Details, die ich vorher gar nicht wahrgenommen habe, und andere, die ich unbedingt in der späteren Komposition haben möchte. Und ich spüre dabei schon, wie groß das spätere Bild werden soll.“ So werden aus Fotos von wenigen Zentimetern teils Gemälde, die bis zu mehreren Metern messen können. Mit Kohle entsteht dann eine Vorzeichnung auf der Leinwand, die anschließend mit Farben übermalt wird. „Diese Struktur gibt mir Halt, denn ich fange nicht in irgendeiner Ecke mit dem jeweiligen Bild an“, so beschreibt der Künstler seine Arbeitsweise.

Wenn er auch in jenen Jahren Erfolg hatte, in denen die reine Abstraktion den Markt beherrschte, so liegt das sicher auch daran, dass seine Werke ungeheuer sicher zwischen Abbildhaftem und reiner Malerei balancieren. Je näher man sich einem seiner Bilder nähert, umso mehr löst sich das Motiv in nuancierte Farbakkorde und Lichtreflexe auf. So wird auch verständlich, was der Künstler meint, wenn er sagt: „Ein gutes Bild muss man auch auf den Kopf stellen können.“

Fast gierig, die Nase so nah wie möglich an der Leinwand, schreitet man Müllers Bilder als Betrachter Zentimeter für Zentimeter ab und kann von diesem Zusammenspiel aus Farben und Licht nicht genug bekommen. Wenn der Künstler sagt, „ich benutze kein Schwarz“, dann tritt man fast ungläubig an die so schwarz wirkenden Ledersessel in einem seiner Bilder heran, um festzustellen, dass hier tatsächlich dunkles Violett in feinsten Abstufungen verwendet wurde. „Schließlich wussten schon Künstler wie die Impressionisten, dass es keine schwarzen Schatten gibt. Monet hat es zum Beispiel bei den Schatten seiner Bildserien von Heuhaufen anschaulich demonstriert“, erzählt Hans-Peter Müller.

Um möglichst viele Farbwerte auf engem Motivraum zu erhalten, benutze er fast nie saubere Pinsel. Gern tauche er sie in den Farbgrund, der in den Pinselgläsern nach dem Abschütten der Terpentinlösung übrig bleibe, um mit dieser Farbmasse erste Akzente auf dem Bild zu setzen. „Ich halte mich nicht an Techniken“, das war schon immer Hans-Peter Müllers Künstler-Credo. Dabei hat er natürlich bei seinem Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf, Abteilung Münster, durchaus fundiert klassische Mal- und Materialkunde erlernt.

Wenn ihn Werke anderer Maler interessieren, dann vor allem, weil es wissen will, „wie sie gemacht sind, was drauf ist, interessiert mich weniger.“ Schon als Schüler war er fasziniert von der Freiheit, mit der etwa Jawlensky einen Himmel einfach in Rot statt in Blau dargestellt hat, oder wie selbstbestimmt Matisse seine Farbauswahl getroffen hat. Überhaupt Jawlensky: Die Begegnung mit dessen Werk war eine Initialzündung für den ganz jungen Hans-Peter Müller. „In der vierten Klasse der Grundschule hat der Lehrer uns Jawlenskys Serie von Christusgesichtern gezeigt, die so genannten Meditationen, und da hat mich was berührt und nie mehr losgelassen“, erinnert er sich.

Fast könnte man sagen: Irgendwo zwischen dem streng Strukturellen und dem Experimentellen in Farbe und Form dieser Jawlensky-Meditationen hat sich auch Hans-Peter Müllers Werk entwickelt. Was sicherlich eine interessante Form von Prägung wäre. Das Thema Räume hat Hans-Peter Müller so richtig gepackt, als er seinen Abschluss zum graduierten Designer absolvierte. Denn seine Examensarbeit behandelte Variationen von Räumen, ausgeführt u. a. mit Farbstiften, als Siebdruck oder Aquarell. „Schon damals haben mich leere Räume angezogen“, erinnert sich Hans-Peter Müller. Und das ist tatsächlich auffällig: Menschen kommen in seinen Räumen nur sehr selten vor. Und wenn, dann wirken sie dort irgendwie verloren. Vielleicht ist auch das der Grund, warum Hans-Peter Müller häufiger zu hören bekommt, dass seine Werke manche Betrachter an die Arbeiten des amerikanischen Malers Edward Hopper erinnern. Denn in dessen Werke wirken die Innen- oder Außenräume erhaben und der Mensch dagegen eher vereinsamt.

„Jedes Bild ist ein hartes Ringen“, gesteht Hans-Peter Müller. Oft verlasse er abends sein Atelier mit einem Gefühl des Zweifels. Dann sei eben Abstand wichtig. „Und wenn ich morgens wieder ins Atelier komme, habe ich dann doch das beglückende Gefühl, das Bild ist gelungen.“ Wenn mal zu viele Bilder im Atelier ständen, drehe er sie herum, um sich nicht bei einem neuen Werk von den bereits vorhandenen ablenken zu lassen. Doch letztlich gelte: „Fertige Bilder müssen raus. Das ist wie bei Kindern, die gibt man auch gerne in eine gute Umgebung.“ Müller ist es also durchaus wichtig, wo seine Werke hängen. „Aber meine Bilder halten eine Menge aus. Die können sich behaupten, auch unter ganz andersartigen Werken eines Sammlers“, ist Hans-Peter Müller optimistisch.

„Meine Räume erzählen ihre eigene Geschichte. Wenn Menschen ins Bild kommen, wird mir das zu erzählerisch. Deswegen male ich Menschen, bis auf die wenigen Ausnahmen in frühen Raumbildern, auch nur als eigenständige Porträts “, sagt Hans-Peter Müller. Die Darstellungen von Menschen hat er schon bei seinem Design-Studium erkundet, wo er vor allem die freien Kurse besuchte, „denn ich wollte Kunst machen“, sagt Müller. So hat er damals bei Gustav Deppe Aktzeichnung belegt. „Und weil wir keine Modelle hatten, habe ich mich gleich selbst ausgezogen. So hatte ich sofort bei Deppe, der sehr ruppig sein konnte, einen Stein im Brett“, erinnert sich Müller amüsiert.

Wenn er Menschen male, dann vor allem wegen ihrer besonders charakteristischen Erscheinung oder weil ihn eine Körperhaltung interessiere. „Von Simone Weil habe ich eine ganze Serie gemalt, weil ich ihren Kopf toll fand. Und mehrfach habe ich auch Joseph Beuys dargestellt. Sein künstlerisches Werk und sein Wirken beschäftigen mich seit vielen Jahren. Aber grundsätzlich ist es nicht die Geschichte eines Menschen, die für mich ausschlaggebend ist, ihn zu malen“, so Müller. Und auch Pina Bausch hat er porträtiert. Eines ihrer Stücke heißt bekanntlich „Müllers Büro“. Die Leuchtreklame an Hans-Peter Müllers Atelier bezieht sich allerdings nicht darauf, sondern ist im Rahmen seiner Museumsausstellung „Raumporträts“ im Märkischen Museum Witten angefertigt worden.

Porträts von Menschen finden sich häufig in Hans-Peter Müllers Malerbüchern, die seit 25 Jahren Bestandteil seines Werks sind. 70 dieser Bücher in verschiedenen Größen sind in dieser Zeit entstanden. Meistens ist eine Seite beschrieben, während sich auf der gegenüberliegenden Seite eine Zeichnung befindet. Beide Seiten beziehen sich aber nicht aufeinander, „oft halte ich Schilderungen meines Tagesablaufs fest, aber es sind nur Alltäglichkeiten. Also nichts, was einem Käufer eines solchen Buches große analytische Aufschlüsse über mich vermitteln würde“, so der Künstler. Häufig übermale er schließlich die Schriftseite, eben auch mit Porträts. „Die Schrift ist dann wie eine Hintergrundstruktur“, erklärt Müller. Und weiter: „Schreiben ist wie Zeichnen, deshalb bin ich auch begeistert von Hanne Darbovens Werk.“

In einigen dieser Bücher sammelt Hans-Peter Müller auch Zitate, die ihn ansprechen, besonders gern von Künstlern. „Ich zitiere sie gerne, wenn es ihnen gelingt, ihre Beobachtungen und ihre Arbeitsweise genau auf den Punkt zu bringen“, erklärt er. Daran könne man auch selbst seine Prägnanz und seinen Scharfsinn schulen.

Denn Hans-Peter Müller ist es wichtig, künstlerisch nicht stehen zu bleiben. Deshalb mag er Herausforderungen: „Bei Ausstellungen reizen mich schwierige Räume“, sagt er und erklärt: „Häufig schaue ich mir die Ausstellungsräume mehrfach an und entscheide dann, was ich von meinen Werken dort zeigen werde.“

Da er in seiner Kunst vorrangig Räume darstelle und sich dementsprechend mit Raumproblemen und -lösungen beschäftige, „male ich praktisch im Kopf weiter, wenn ich einen Raum sehe, in dem ich ausstellen will.“

Gerade bieten sich für Hans-Peter Müller zwei spannende Möglichkeiten, die Zweidimensionalität der Bilder mit der Dreidimensionalität ungewöhnlicher Orte zu kombinieren. Er stellt nämlich bis 31. Januar zeitgleich in Görlitz und auf der polnischen Seite der Neiße in Zgorzelec aus. „Kunstbrücken“ heißt denn auch der hintersinnige Titel der Doppelausstellung dies- und jenseits des Flusses.  In der Görlitzer Annenkapelle zeigt Müller fünf Malerbücher und Objekte wie „Zwinge und Keil“. Um die Dreidimensionalität des Raumes auszuloten, hat er außerdem Porträtzeichnungen auf einer Wäscheleine quer durch den Kirchenraum gehängt. Und zwischen zwei Schreibmaschinen spannt sich ein Telexband als Kommunikationsschleife. Im großen domartigen Kulturzentrum von Zgorzelec präsentiert der Künstler seine Raumbilder und ein großes Buch. „Görlitz war ja auch in der Bewerberrunde zur Kulturhauptstadt 2010. Mit meiner Ausstellung, die seit Anfang Dezember läuft, wollten sie ihren symbolischen Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr leisten“, erklärt Hans-Peter Müller.

So ist der Künstler aus dem Ruhrgebiet ein Kulturbotschafter, wie ihn sich diese Region kaum besser vorstellen kann. Sein Bekenntnis zu dieser Region lautet: „Ich bin zwar in Kiel geboren, aber ich fühle mich im Revier längst fest verwurzelt und mag die Direktheit der Menschen hier“.

Womit sich zwangsläufig die Frage stellt, ob Hans-Peter Müller auch ein Ruhrgebietskünstler ist. „Wenn das bedeutet, dass man das Klischee des Zechenbilder malenden Künstlers bedienen muss, dann ganz bestimmt nicht“, wiegelt er lächelnd ab. Um dann eine Bildreihe hervorzuholen, die vor langer Zeit entstanden ist und die das Kolorit des Ruhrgebiets auf ganz ungewöhnliche Weise spiegelt. „Als ich in der siebten Klasse der Volksschule in Bochum-Langendreer war, wurde mein kunstbegeisterter Klassenlehrer vom Vikar der Kirche Sankt Bonifazius gefragt, ob ich ihm nicht einen Kreuzweg malen könne“, erzählt Hans-Peter Müller. Das vorliegende Ergebnis ist tatsächlich erstaunlich: Der damalige Schüler malte Christus mit einer Art Stahlträgerkreuz, das an das Gerüst eines Hochspannungsmasten erinnert, auf dessen Weg durch Bochum-Langendreer. Auf den 14 Stationen, jede in einem Bild festgehalten, kommt er am Sportplatz vorbei, am Kino Lichtburg, geht über den Zebrastreifen und wandelt längs der Schaufenster. Beim Bild der Kreuzaufrichtung sieht man sogar Schweißbrennerflaschen, „denn schließlich musst das aufgerichtete Kreuz ja am Grundgerüst festgeschweißt werden“, erklärt Müller seine damalige kindliche Logik. Und in all diesen Szenen, ihren Kulissen und Menschen spürt man den Pulsschlag des damaligen Ruhrgebiets. „Viel später hat mir der Vikar erzählt, dass ich mit dieser Bilderserie den ersten Preis in einem Jugendmalwettbewerb gewonnen habe“, so Müller.

Ungewöhnlich dürfte auch sein Zugriff auf die Region in seinem kommenden Projekt ausfallen: Zusammen mit dem Viadukt e. V. und dem Märkischen Museum Witten organisiert Müller gemeinsam mit einer Bildhauerin dort die Ausstellung „Alles im Fluss. Oder: wie kommt der Fluss in die Stadt.“ Dabei geht es um die Lage Wittens an der Ruhr. Müller: „Zum einen ist der Ausstellungstitel sinngemäß zu verstehen, wenn ein ehemaliges Boot im Museum zur Skulptur verwandelt wird. Zum anderen wird der Einzug des Flusses in die Stadt aber auch richtig greifbar. Zum Beispiel, indem Teile des Campingbiergartens Steger ins Museum transportiert und dort inszeniert werden.“ Von Steger wird das Lieblingsspiel der Camper und Gäste, der Kicker, ins Museum gebracht. Die Besucher der Ausstellung können selbstverständlich daran spielen. Und im Hintergrund laufen Klang-Installationen mit Geräuschen vom Biergarten an der Ruhr. Rund um die ebenfalls im Museum aufgebauten Gaststätten-Tische und -Stühle fährt die beliebte Ruhrtalbahn, natürlich als Modell. Außerdem wird von der Ruhrbrücke mit Seilen und Bottichen Wasser aus dem Fluss geschöpft, die lange Straße hinauf bis zum Museum getragen und dort in den Gully gekippt. Dieser Kreislauf spiegelt sich zudem in einem Endlos-Video von der Aktion.

Und so ist denn also auch in Hans-Peter Müllers vielfältigem Kunstkosmos in nächster Zeit alles im Fluss. Und dass bei ihm die guten Ideen versiegen, dürfte aufgrund seiner – um im Bild zu bleiben – überquellenden Fantasie kaum zu befürchten sein.


Michael Vaupel

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